Hafer oder Saat-Hafer (Avena sativa) ist direkt aus Wildhafer hervorgegangen und bildet mit ihm eine Art. Das Geschlecht Avena ist im Mittelmeerraum weit verbreitet. Die Hafergruppe kann man in drei Gruppen unterteilen. Abhängig von der Zahl der Chromosomen gibt es die diploïde Gruppe mit zweifachem Chromosomensatz; die tetraploïde Gruppe mit vierfachem Chromosomensatz und die hexaploïde Gruppe mit sechsfachem Chromosomensatz. Unser Saat-Hafer gehört zur hexaploïden Gruppe. Der Flughafer (Avena fatua) und der Tauber Hafer (Avena sterilis) sind die verwandten Wildpflanzen. Flughafer, wie Tauber Hafer können als Ackerunkraut auftreten. Der Flughafer, der an die nördlichen Breiten angepasst ist, findet man von West-Europa bis nach Zentral-Asien. Der Tauber Hafer ist im Mittelmeergebiet zu Hause. Die genannten Arten sind alle miteinander kreuzbar und gehören im Grunde genommen zu einer Art. Der Hafer eignet sich ganz gut für den Anbau in den Küstenregionen West-Europas und für den Anbau in feuchten Mittelgebirgslagen, obwohl er ursprünglich eine Pflanze des Mittelmeerraumes ist. Feuchtigkeit braucht der Hafer für eine kräftige Jugendentwicklung und kühle Temperaturen verlängern die vegetative Phase, beide zusammen ermöglichen hohe Erträge. In seinem Ursprungsgebiet, im Mittelmeerraum beschleunigen die höheren Temperaturen die Entwicklung, der Hafer kommt schneller zum Blühen, bildet weniger Blüten aus und ist weniger üppig und ertragreich. Der Hafer bildet eine Rispe aus, dank seiner Rispe ist der Hafer auf den Äckern leicht zu erkennen.Es gibt keine Hinweise auf die Kultivierung von Hafer während der Jungsteinzeit und Bronzezeit in Süd-West-Asien und dem Mittelmeerraum, obwohl die Wildpflanzen in diesen Regionen sehr häufig sind. Erst in der Römerzeit nimmt der Hafer in den Alpen an Bedeutung zu. Man vermutet, dass Hafer, ähnlich wie Roggen, zunächst eine geduldete Begleitpflanze in den Gersten- und
Weizenfeldern war. Auch beim Hafer unterscheidet man zwischen bespelzten und freidreschenden Formen. Der Spelzhafer braucht eine Hitzebehandlung mit heissem Dampf, die ca. eine Stunde dauert. Dann sind die Spelzen brüchig und lassen sich leichter entfernen. Nackthafer gibt es erst seit dem 17. Jahrhundert in Europa. Er stammt vermutlich aus China. Er wird gelegentlich in den Alpen angebaut. Beim Dreschen des Nackthafers ist äusserste Vorsicht geboten, die Körner werden schnell geschädigt und verlieren dann ihre Keimfähigkeit. Der Winterhafer, den man im Herbst sät, gedeiht nur in küstennahen Gebieten. Er verträgt Barfröste und eine länger anhaltende Schneedecke schlecht. Der Sommerhafer, den man im Frühling sät, wird oft als Deckfrucht für Wieseneinsaaten verwendet. Der Hafer wächst, dank seiner
Reservestoffe, schneller heran als die Wiesengräser und dem Klee, die mit ihren sehr leichten Samen kaum über Reservestoffe verfügen. Der Hafer beschattet und schützt mit seinen breiten Blättern die aufgehende Saat. Der Hafer gehört wie Gerste, Reis und Hirse zu den Getreidearten, die als ganzes Korn, als Schrot, Brei, Muss oder Flocken gegessen werden können. Hafer ist leicht verdaulich. Er unterscheidet sich von den anderen Getreidearten durch seine unmittelbar anregende Wirkung. Die leichte Verdaubarkeit wird durch die Hitzebehandlung beim Entspelzen verstärkt. Dann entstehen auch die leicht nussartigen Geschmacksnoten.
Literatur
Miedaner, Thomas (2014): Kulturpflanzen: Botanik — Geschichte — Perspektiven. Berlin Heidelberg: Springer-Verlag. ISBN: 364255292-2
Schilperoord, Peer und Heistinger, Andrea (2011): Literaturstudie alpine Kulturpflanzen Vs. 5.1.
Zohary, Daniel; Hopf, Maria; Weiss, Ehud (2012): Domestication of plants in the Old World. The origin and spread of domesticated plants in Southwest Asia, Europe, and the Mediterranean Basin. 4. Aufl. Oxford: Oxford University Press. ISBN: 978-0199549061