Im Alpenraum wurden Kulturtechniken noch lange angewendet, die im Flachland schon längst „aus der Mode“ waren. So wurde der Roggen als Brotgetreide noch viel länger in inneralpinen Regionen angebaut als im Flachland, weil er gegenüber Trockenheit besonders widerstandfähig ist. Dadurch konnten viele Sorten bis in die Moderne gerettet werden. Für die Ernte von Getreide wurde die Sichel noch lange Zeit eingesetzt, obwohl sie gegenüber der Sense viermal weniger leistungsfähig ist. Der Grund ist der viel geringere Körnerausfall beim Schnitt. Man erntet also mehr Getreidekörner als mit der Sense, was bei den oft ohnehin geringen Erträgen beim Berggetreide sehr sinnvoll ist. Leichte Holzpflüge lassen sich einfacher von Acker zu Acker transportieren als schwere Eisenpflüge. Der Dreschflegel sorgt für ungebrochenes verflechtbares Stroh und ist dann sinnvoll, wenn das Stroh entsprechend verarbeitet werden soll. Traditionelle Kulturtechniken haben also durchaus ihren rationalen wirtschaftlichen Sinn. Leider sind viele Techniken in der alpinen Landwirtschaft zusammen mit den Rassen und Sorten in Vergessenheit geraten.
kastanien schlagenJeder Baum in einer Kastanienselve hatte einst eine Funktion: Der eine lieferte mehliges Fruchtfleisch zum Trocknen und Mahlen, der andere knackige, nur kurz haltbare Kastanien zum Braten, der dritte gut lagerfähige Früchte. Die Kastanie, der Brotbaum der Bauern in den höher gelegenen Gebieten der Alpensüdseite, wurden über viele Generationen gepflegt. Dieses fein austarierte System gerät, wie viele andere alte Kulturtechniken im Alpenraum, in Vergessenheit. Ohne dieses immaterielle Wissen ist der Erhalt der Edelkastanie als Kulturbaum ebenso wenig möglich wie jener eines wollhaarigen Weideschweines und vieler anderer Pflanzen und Nutztiere.