Im Alpenraum wurden Kulturtechniken noch lange angewendet, die im Flachland schon längst „aus der Mode“ waren. So wurde der Roggen als Brotgetreide noch viel länger in inneralpinen Regionen angebaut als im Flachland, weil er gegenüber Trockenheit besonders widerstandfähig ist. Dadurch konnten viele Sorten bis in die Moderne gerettet werden. Für die Ernte von Getreide wurde die Sichel noch lange Zeit eingesetzt, obwohl sie gegenüber der Sense viermal weniger leistungsfähig ist. Der Grund ist der viel geringere Körnerausfall beim Schnitt. Man erntet also mehr Getreidekörner als mit der Sense, was bei den oft ohnehin geringen Erträgen beim Berggetreide sehr sinnvoll ist. Leichte Holzpflüge lassen sich einfacher von Acker zu Acker transportieren als schwere Eisenpflüge. Der Dreschflegel sorgt für ungebrochenes verflechtbares Stroh und ist dann sinnvoll, wenn das Stroh entsprechend verarbeitet werden soll. Traditionelle Kulturtechniken haben also durchaus ihren rationalen wirtschaftlichen Sinn. Leider sind viele Techniken in der alpinen Landwirtschaft zusammen mit den Rassen und Sorten in Vergessenheit geraten.
kastanien schlagen
Kastanienschlagen: Die getrockneten Kastanien werden in lange Säcke gefüllt und geschlagen, damit sich die Schale leichter löst.

Landwirtschaftsformen in den Alpen

In den Alpen gab es seit der frühen Neuzeit (16. Jahrhundert) einen markanten Unterschied zwischen den kleinbäuerlichen Regionen in den West- und Zentralalpen und den großbäuerlichen Regionen in den Ostalpen. Die Höhenlage war und ist verantwortlich dafür, ob die Viehhaltung überwiegt oder der Ackerbau: Tallagen wurden überwiegend ackerbaulich genutzt, Bergregionen eher für die Beweidung. Die Variationsbreite der landwirtschaftlichen Nutzung war und ist bis heute im Alpenraum sehr gross:
Landwirtschaftsformen in den Alpen um 1900 nach de Martonne-neu

  • Innere Alpenregionen: vorwiegend Grossviehhaltung, Wiesenbau, daneben Getreide und Kartoffeln (1).
  • Bedeutende Schafhaltung: Schafe dominieren südlich der Linie (8), teilweise Transhumanz; ausgeprägt neben Getreidebau im “pays à moutons” (5).
  • Viehwirtschaftsregionen: Spezialisierung auf Grossviehhaltung, Wiesenbau (2).
  • Bedeutende Waldwirtschaft: grosse Wälder mit besonderem Gewicht in der ländlichen Ökonomie (3).
  • Insubrische Regionen: Mischwirtschaft mit bedeutender Kastanienkultur; Wein; Mais; dichtere Bevölkerung (4).
  • “Golfes de plaine”: ausgeprägte Agrarvielfalt mit Mais und anderen Kulturen in den tiefliegenden Flusstälern; dichte Bevölkerung; Weinbau bedeutend in den Regionen (6), zurücktretend oder nicht vorhanden in den Regionen (7).
  • Quelle: de Martonne (1900)